J.Bally 1950-2003

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Einer meiner Highlights am Wochenende der Cologne Spirits war das private J.Bally Cross-Tasting im Hotelfoyer. Sascha Junkert hat uns hier aus der J.Bally Jahrgangsabfüllungsrange alte Vintages mitgebracht, die wir gemeinsam verkostet und unsere Eindrücke direkt verglichen haben. Das Ganze fand halb blind statt – bedeutet, wir wussten welche Jahrgänge im Tasting vorkamen, wussten aber nicht, welcher dieser Jahrgänge in welchem Glas ist. Zehn Rhums waren am Start: 1950, 1953, 1960, 1972, 1979, 1982 43%, 1982 45%, 1986, 1993 und 2003. Erwähnenswert ist evtl. noch, dass die getrunkene Menge nicht sehr viel war, daher die niedergeschriebenen Eindrücke etwas kürzer ausgefallen sind und es eher um den direkten Vergleich ging, als um die einzelnen Aromen. Vielen Dank nochmal an Sascha für das Teilen dieser alten Tropfen 🙂

J.Bally 1950, Martinique, 45% – Leder, Holz und Birne sind die Aromen, die meine Nase wahrnehmen. Agricole Aromen sind kaum mehr zu erkennen – lässt vermtl. drauf schließen, dass er lange im Fass war oder die Fässer etwas aktiver. Der Gaumen ist sehr ölig, leider aber nicht so komplex wie erhofft. Vanille und Holz sind auch deutlich präsent, ich tippe daher auf aktivere Fässer. 80 Punkte

 

J.Bally 1953, Martinique, 45% – Oh, die Nase unterscheidet sich zum 50iger merkbar. Viel grasiger, erdiger und frischer. Insgesamt riecht dieser Rhum um einiges jünger als unser erster Kandidat. Am Gaumen setzt sich dieser Eindruck fort. Die intensiven Holz und Vanille Aromen, des 1950iger sind nur latent vorhanden. Wenn ich raten müsste würde ich auf ein jüngeres Exemplar tippen. 77 Punkte

 

J.Bally 1960, Martinique, 45% – Hier geht die Nase doch eher in die Richtung von 1950, wenn nicht sogar noch ein Tick weiter. Stark ausgeprägte Holzaromen und Leder ist warnehmbar mit etwas Klebstoff. Kaum Gemeinsamkeiten mit 1953 wahrzunehmen. Am Gaumen dann direkt eine angenehme trockene Bitterkeit, die mir sehr gefällt. Entsprechend lange fällt der Abgang aus. Der komplexeste unter den ersten Dreien.  86 Punkte

 

J.Bally 1972, Martinique, 45% – Grasig und fruchtig in der Nase ähnelt 1972 am ehesten 1953 unter den ersten Vieren. Am Gaumen setzt sich der Eindruck fort. 72 gehört eher zu den grasigen als zu den holzigen und wirkt auch jünger. Ist für mich aber der bessere 53iger ;-). Abgang ist kurz bis mittellang. 83 Punkte

 

J.Bally 1979, Martinique, 45% – Eine schöne Nase aus Früchten, Gras, Holz und Leder. 79 lässt sich nicht direkt einer der beiden identifizierte Kategorieren (grasig vs. holzig) zuordnen. Am Gaumen tummelt er sich auch in beiden Welten und hat dadurch auch eine gewisse Komplexität und Tiefgang. Der Abgang ist mittellang und gefällig. Ein sehr guter Rum.  85 Punkte

 

J.Bally 1982, Martinique, 45% – In der nase fast mit einem ungelagerten Agricole zu verwechseln. Sehr grasig, erdig und „frisch“. Am Gaumen eher flach und sehr jung mit einem kaum merkbaren Abgang. Definitiv der schwächste Bally an diesem Abend.  75 Punkte

 

J.Bally 1982, Martinique, 43% – Umso erstaunter bin ich jetzt hier. Die Nase ist im Vergleich viel gehaltvoller, tiefer und nicht so jung wie sein Jahrgangsbruder. Die grasigen und erdigen Aromen haben Platz für Holz, Vanille, Klebstoff und Leder gemacht. Am Gaumen sieht es ähnlich aus, zudem ist er sehr trocken und hat eine tolle Textur. Der Abgang ist lange und leicht Bitter werdent, was mir sehr zusagt. Dieser Rum dürfte deutlich älter sein, als sein Jahrgangsbruder. 87 Punkte

 

J.Bally 1986, Martinique, 45% – Und wieder eines der jüngeren Exemplare. Klare grasige und erdige Aromen in der Nase. Am Gaumen kommt wieder die Birne zum Vorschein und eine Ähnlichkeit zum 1972 Jahrgang ist zu erkennen. Im mittellangen Abgang ist der Fasseinfluss klar wahrnehmbar. 81 Punkte

 

J.Bally 1993, Martinique, 45% – Vanille, Holz, Leder und wenig jüngere Aromen sind in der Nase auszumachen. Wow, der Gaumen ist gegenüber der Nase viel präsenter und intensiver. Die 45% sind super eingebunden und kaum merkbar, vorallem im Vergleich mit der Intensität, die am Gaumen merkbar ist. Der Abgang ist trocken und lange, geprägt von Leder, Holz und Birne. Ein sehr leckerer Rhum. 88 Punkte

 

J.Bally 2003, Martinique, 43% – Und hier unser Überraschungskandidat. Sascha hat 2003 „reingemogelt“, um zu schauen, wie er im Vergleich zu den älteren Jahrgängen abschließt. Birne, etwas Holz, Leder und der gleiche Klebstoff wie bei 1960 und 1982 ist in der Nase wahrnehmbar – sehr intensiv und gehaltvoll. Der Gaumen ist weder in die Kategorie jung noch alt einzuordnen. Birne, Holz, etwas schmutziges/erdiges und das alles in einer nicht alkoholischen Intensität, die ich sehr begrüße. Ein langer, angenehmer Abgang runden diesen tollen Rum ab. 88 Punkte

 

Früher war alles besser muss nicht immer zutreffen. Aber mal abwarten, was ein baldiges Crosstasting der neueren Jahrgangsabfüllungen zeigt. Auffällig ist aufjedenfall, dass die meisten Abfüllungen sich in zwei Kategorieren einteilen lassen: 1.) jünger, grasig und erdig und 2.) älter, holzig, vanille und (leicht) bitter. Im nächsten J.Bally Crosstasting schaue ich mir wieder halb blind 9 jüngere Ballys von 1997 bis 2006 und zudem den Ambre und Vieux an.