Tropical vs. Continental

Posted by in Blind-Tasting Review, Cross-Tasting Review

Vor einigen Monaten hat mich Steffen Mayer aus Oberstaufen, auf Empfehlung von Flo (BAT), angesprochen, ob ich nicht Lust hätte an einem Blindtasting mit sechs verschiedenen Rums teilzunehmen. Es würden auch noch vier weitere Personen teilnehmen, die ebenfalls die selben Rums erhalten werden. Die Erkenntnisse aus meinen Ergebnissen und die der anderen Teilnehmer würden in sein Buch, an welchem er gerade arbeitet, miteinfließen. Steffen wollte mir allerdings nicht verraten, worum es in diesem Blindtasting geht, damit ich so unvoreingenommen wie möglich rangehe. Ganz unvoreingenommen ging es bei mir allerdings doch nicht, da ich bereits wusste, dass Steffen an einem Buch über Caroni arbeitet. Nach Klärung aller Rahmenbedinungen ging es auch bereits direkt los. Ich versuchte so gut es geht auszublenden, dass Steffen an einem Buch über Caroni arbeitet und habe mich an die Rums rangemacht:

Scheer & Velier Monymusk MMW Tropical, Jamaika, 11y, 69% (Blind-Sample 1) –  Meine Nase nimmt verbranntes Karamell, dunkle Schokolade, Kiefernholz, trockene Früchte, Rosinen und etwas Apfel wahr. Diese Nase assoziiere ich mit den Guyana Enmore Coffey Still Rums, besonders aus 2004. Am Gaumen leider flacher als die Nase erwarten ließ, bzw. die verschwindende Hoffnung hier einen Guyaner aus 2004 zu finden. Er ist auf jedenfall jünger als die Nase andeutete – geschätzte 8-11 Jahre mit knapp über 60%. Vermutlich auch hier wieder ein Kolonnen-Brite oder sogar ein (Navy-)Blend, aber vielleicht wieder ein kompletter Exote. Leider ein Rum mit schlankem Körper, wenig Tiefgang, dafür aber einer guten Nase. 75 Punkte.

 

Rendsburger Bürgermeister Rum Caroni 1996, Trinidad, 12y, 69,1% (Blind-Sample 2) – Eine sehr tiefe, volle und komplexe Nase. Zu Beginn mit der Süße und Fruchtkorb von alten tropischen Guyana Rums geschmückt, Rosinen und Marzipan übergehend in eine Dreckigkeit von Nagellackentferner und Petroleum. Caroni ist hier bereits gut erkennbar. Zudem ist auch bereits hier erkennbar, vor allem im Vergleich zu Sample 4, dass er ein paar Jahre länger auf dem Buckel haben muss. Der Gaumen bestätigt auch direkt die Alterseinschätzung im Vergleich zu Sample 2. Zu Beginn ist der Rum etwas adstringend und geht dann in eine angenehme Cremigkeit über, was ein tolles Mundgefühl ausmacht. Er kommt mit ungefähr 60% daher und sollte definitiv älter als der Vergleichskandidat Sample 4 sein. Leider bin ich absolut kein Caroni Experte, um dieses Blindsample korrekt einem Jahrgang zuordnen zu können, da ich manche Jahrgänge entweder noch überhaupt nicht getrunken habe oder einfach noch kein Jahrgangscrosstasting gemacht habe. Von dem, was ich aber kürzlich getrunken habe kommt dieses Blindsample am ehesten dem Jahr 1996 nahe und ist somit schätzungsweise 20-23 Jahre alt. Um den Abgang nicht zu vergessen, fällt dieser Erwartungsgemäß lange aus mit viel Holz und einer angenehmen Bitterkeit. Ja, was soll ich sagen? Ich hätte gerne ein größeres Sample von diesem Rum gehabt, da ich ihn zum einen lecker fand und zum anderen ihn gerne noch gegen andere Caronis crosstesten würde. 92 Punkte.

 

Scheer & Velier Monymusk EMB Continental, Jamaika, 14y, 64,7% (Blind-Sample 3) – Blindsample 3 hat eine leicht säuerliche, alkoholische und junge Nase. Etwas Klebstoff, leichte Würze und Anis. Erinnert mich etwas an Blindsample Nummer 5, da ich auch wieder an einen „Kolonnen-Briten“ denken muss und eine ähnliche Aromatik wahrnehme. Am Gaumen schlägt das Alkoholische und eine extreme Trockenheit mit wohl knapp über 60% zu. Der Abgang fällt leider sehr kurz und unspektakulär aus. Vermutlich ein sehr junger Rum auch wieder mit guyanischen und jamaikanischen Zügen, aber mir nicht möglich einer bestimmten Destillerie zuzuordnen. Der Rum kommt am ehesten sehr jungen Port Mourants nahe, könnte aber auch ein Exot sein. Ich tippe hier auf 3-5 Jahre mit knapp über 60% vol. Alk. 71 Punkte.

 

Ancient Mariner Navy Caroni 1995, Trinidad, 14y, 54% (Blind-Sample 4) – Meine Nase nimmt Karamell bis hin zu verbranntem Zucker war, eine leichte Süße und die typischen Caroni Aromen in Form von Petroleum und Verbranntem. Der Nase nach die jüngere Generation Caroni und vermutlich auch keine Fassstärke. Der Gaumen bestätigt die beiden letzten Spekulationen, dass es sich um einen verdünnten Caroni mit leicht über 50% und mittleren Alters von ~15 Jahren handeln muss. Die Verdünnung war für meinen Geschmack einen Tick zu stark, der Rum hätte von weniger Wasser definitiv profitiert. Ich versuche mich mal noch einen Schritt weiter mit der Spekulation des Jahrgangs 1998, da er mich an konkret zwei Velier Abfüllungen erinnert. Der Abgang ist für Caroniverhältnisse mittellang mit angenehmen Fasseinflüssen und einer leichten Bitterkeit. Ein ziemlich guter Rum, der aber leider für Caroniverhältnisse eher unterdurchschnittlich ist. Am ehesten erinnert er mich an den Velier Caroni 1998 15yo mit 52%. 83 Punkte.

 

Scheer & Velier Monymusk MMW Continental, Jamaika, 11y, 63,9% (Blind-Sample 5) – Meine Nase nimmt Klebstoff war, etwas Ester, Bananen, leichte Würze und Anis. Das könnte ein „Kolonnen-Brite“ sein – also ein Rum aus einer ehemals britischen Kolonie, destilliert in einer Kolonne. Am Gaumen dann ein hoher Alkoholgehelt mit ungefähr 60% und einem leichten aber sehr aromatischen und ausgewogenen Körper. Wieder die Banane aus der Nase, dezente Holznoten, ein wenig Gras und etwas Florales. Der Gaumen findet allerdings einen etwas schwereren Rum wieder, als die Nase angedeutet hat. Der Abgang fällt leider kürzer aus als erwartet und erhofft. Puhhh, was soll ich sagen? Leider hab ich diesen Rum zu schnell weggesüffelt um eine konkrete Aussage zu treffen, vielleicht hätten aber weitere 2cl auch nichts gebracht. Auf jeden Fall ist das Tippen hier kein No Brainer – entweder ist es ein Exot oder es dürfte ein Jamaikaner oder Guyaner sein. Ungefähr 8-11 Jahren und den o.g. ~60%. 77 Punkte.

 

Scheer & Velier Monymusk EMB Tropical, Jamaika, 14y, 69,5% (Blind-Sample 6) – In der Nase Klebstoff, Nagellackerentferner, stechender Alkohol, säuerliche Aromen und Trauben. Erinnert mich im ersten Moment eher an einen Cognac/Armagnac als an einen Rum. Mit etwas Zeit kommt Vanille und etwas verbranntes Karamell zum Vorschein. Am Gaumen im ersten Moment nur reiner Alkohol, im Zweiten auch 😉 – er sollte aber auf jeden Fall über 70% haben und/oder der Alkohol ist sehr schlecht eingebunden. Auch bin ich mir unschlüssig, ob es überhaupt ein Rum ist. Auf jedenfall einer, den ich noch nicht im Glas hatte. Am Gaumen wirkt er sehr jung und ungestühmt. Im Abgang allerdings wird er adstringend, sehr bitter und sehr trocken. Der Abgang deutet auf einen älteren Rum hin, Gaumen sagt aber etwas anderes, daher liegt meine Vermutung nahe, dass es ein sehr aktives Fass sein musste. Am Gaumen lassen sich auch Parallelen zu Blindsample 1 feststellen. Auf jedenfall bin ich hier komplett überfragt, was es sein könnte. Dieser Rum lässt mich mit großen Fragenzeichen zurück und der Vermutung, dass es sich auch hier evtl. auch um einen Exoten handeln muss. 62 Punkte.

Nach der Auflösung war sehr schnell klar, dass es hier um den Vergleich zwischen kontinental und tropisch gereiften Rums geht. Die zwei Caronis wurden eingestreut, um es nicht zu offensichtlich zu machen. Leider habe ich keinen der vier Monymusk als solche erkannt, da ich vermutlich auch einfach noch nicht so viele Rums aus Monymusk getrunken habe. Interessant auch, dass ich die kontinentale Variante in beiden Fällen der Tropischen vorgezogen habe. Abschließend ist zudem zu sagen, dass dieser Vergleich für mich leider kein guter Vergleich ist, da nicht alle Fässer der Rums aus dem gleichen Jahr/Batch entstammen und somit ein sauberer Vergleich nicht so einfach möglich ist. Und ganz zum Abschluss noch ein herzlichen Dank an Steffen für die Erfahrung, unvoreingenommen ein solches Tasting durchführen zu können 🙂